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text für KUNSTWELTEN II 

 

in der malerei der bildhauerin und malerin anne brömme geht es um das verstehen innerer zusammenhänge. spannungsmomente, harmonien, überlagerungen, begegnungen, verdichtungen, öffnungen und leerstellen bestimmen die energiegeladenen bilder.

für ihre „improvisationen“, eine fortlaufende serie von zeichnungen, arbeitet sie mit musikern und tänzern zusammen. mit einem eigenen repertoire an zeichen, gesten und bewegungsspuren agiert sie in gemeinsamen sessions, greift klänge auf und setzt selbst impulse. daher rühren die klanglichen dimensionen dieser arbeiten. zumal die künstlerin tönende maluntensilien verwendet wie bürsten, schwämme, drahtgeflechte oder ihre finger. weiterhin weil die bilder selber geschichten erzählen, von laut und leise, schnell und langsam, gleichmäßigen harmonien und dramatischen akzenten. es entstehen wellen und verwirbelungen, grenzen und übergänge, greifende, streichende, fallende, hallende, reibende, kratzende und flügelschlagartige momente – bilder die tatsächlich nicht nur zeitliche sondern auch akustische und tänzerische elemente integrieren und kreieren.

in der skulptur„ukulelen“ (2010) vergegenwärtigen die bearbeitungsspuren auf den instrumenten das geräusch und die bewegung des schleifens. die klangkörper selbst werden zu einem sinnbild zusammengebunden, das die aufhebung der medialen grenzen programmatisch auf den punkt bringt.

hände und körper bilden ein zentrales thema im werk. als bildhauerin fasst anne brömme eine hand zunächst als plastische form auf, die aber als äußerung immer für ein inneres steht, für eine ganz spezifische haltung zur welt. und so entwickeln ihre hände eine eigene sprache. im „dialog der hände“ (2010) wirken sie gar wie zu einem spannungsvollen austausch zusammen gekommen. sie erzählen davon, wie wir mit unseren händen kommunizieren und die welt und andere ertasten und verstehen.


anne prenzler (kunst-und kulturwissenschaftlerin)

 

anne broemme in KUNSTWELTEN - 100 künstler 100 perspektiven

boesner gmbh (hg.), witten 2012 

 

 

ZWISCHENZWEIEN

 

konzentrierte stille im raum. jürgen morgenstern beginnt auf seinen kontrabass zu klopfen, erst langsam und leise, dann immer lauter. schneller und schneller tanzen seine finger und hände über alle teile des großen instruments. anne brömme kniet vor einem großen weißen blatt. nach wenigen momenten setzt auch sie ein, gibt dem bild eine erste richtung. mit einem kleinen schwamm wischt und reibt sie, klopft, springt mit der hand hin und her, die bewegungen erzeugen einen eigenen rhythmus, die striche verdichten sich. mitunter fügen sich die rhythmen des  musikers und der malerin ineinander, steigern sich, fallen asymmetrisch auseinander – bis einer von beiden abbricht und einen neuen impuls setzt. jürgen morgenstern streicht, zupft, pocht und setzt immer wieder auch seine stimme ein. anne brömme zeichnet, reibt, streicht, klopft und malt mit pinseln, stiften, fingern, schwämmen und kleinen bürsten. „zwischenzweien“ lautet der titel, den die beiden ihrem gemeinsamen projekt gegeben haben. die ausstellung zeigt das ergebnis einer intensiven zusammenarbeit über mehrere wochen. sie demonstriert, was zwischen zweien passieren kann, wenn bildnerische und klangliche elemente aufeinander treffen, wie improvisation über mediale grenzen hinweg funktioniert und wie malerin und musiker einander inspirieren können.


vollständiger text von anne prenzler als pdf

 

 

VERORTUNGEN

 

lautet der Titel dieser Ausstellung, ein Begriff, der einiges Gewicht hat und zunächst Fragen aufwirft. Geht es um ein Austarieren, darum etwas an einem Ort zu finden, etwas an einen bestimmten Ort zu setzen? Um ein Ausloten?
Beginnen wir unsere Begegnung mit dem Werk von Anne Brömme mit einer Arbeit, die den Titel spuren trägt. Die großformatige Leinwandarbeit geht zurück auf eine malerische Improvisation zu einer musikalischen Performance von Jürgen Morgenstern. Anne Brömme hat zu Jürgen Morgensterns Klang-, Geräusch- und Instrumentalmontagen bildnerisch und dialogisch gearbeitet und dieses Ergebnis wiederum malerisch weiterentwickelt. Rhythmische, gestische Äußerungen mit dem Zeichenstift oder Pinsel wechseln sich ab mit flächigen Passagen, Bewegtheit und Ruhe, Leichtigkeit und Schwere, feine Strukturen und grob belassene Pinselstriche stehen nebeneinander, turbulent verlaufende und verwirbelte Farben folgen auf klare Formen, einige deutliche auch farbliche Akzentuierungen – hier in blau und hier ist das Wort Muse eingefügt – rhythmisieren das Bildganze, das wie ein Text oder eine Partitur von rechts nach links abläuft, in dem sich die Zeitlichkeit der musikalischen Performance direkt wiederfindet.
Als eine Abfolge malerischer und zeichnerischer Ereignisse wird hier die Zeit selbst im Bild erlebbar. Auf diese Weise gelingt es Anne Brömme einen ewigen Widerspruch der Bildenden Kunst zu überwinden, den Lessing in seinem Text Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie bereits 1766 beschrieben hat, dass es der Kunst nämlich – im Gegensatz zur Musik – unmöglich sei, Zeitlichkeit darzustellen. Die gesamte gestische Malerei und das Action Painting sind im Grunde Versuche die Dimension Zeit in die Malerei zu integrieren. In ihren Arbeiten gehe es um „seismografisches Zeitempfinden“ lesen wir auf der Einladungskarte. Ich denke hier sehen wir, was damit gemeint ist. In diesen Bewegungsspuren lotet Anne Brömme aus, wie wir das Vergehen der Zeit und das Erleben des Augenblicklichen in unterschiedlicher Weise empfinden können. Dieses Bild hat unterschiedliche Geschwindigkeiten, schnelle, rhythmisierte Passagen, ruhigere und dann sehr turbulente, in denen sich der Zeitstrom regelrecht verwirbelt und fast zum Stillstand kommt.
Insgesamt betrachtet haben wir mit spuren eine Arbeit vor uns, die im Bezug auf das Gesamtwerk  von großer Offenheit ist und dabei eine unglaubliche Kraft entwickelt. Die gleiche Kraft finden wir aber nun interessanterweise auch in Arbeiten von Anne Brömme, die sehr ausgearbeitet sind, in denen sich viele Schichten übereinander legen und wie in einem Steinbruch partiell wieder freigelegt werden. In denen die Gewichte und die Gegengewichte sorgsam und in einem langwierigen Prozess verteilt werden. Auch hier wechseln sich ruhige und dynamische Passagen. Leichtigkeit und Flüchtigkeit treten in Dialog mit Dichte und Verdichtungen. Verschiedene Geschwindigkeiten und Stimmungsbilder werden sichtbar.

Anne Brömme hat mit erzählt, dass sie sich zu Beginn ihrer künstlerischen Arbeit vor allem mit streng geometrischen, meist kubischen Formen befasst hat, mit horizontalen und vertikalen Linien – ich finde das einen sehr interessanten Aspekt, denn es gibt Forschungen, die besagen, dass unser Auge beim Betrachten von Bildern immer nach vertikalen und horizontalen Linien sucht. Ein Erbe aus den frühen Tagen der Menschheit, als wir noch direkt in und mit der Natur gelebt haben, und in denen sich das Horizontale als Horizontlinie und das Vertikale als Linie, die durch die Wuchsrichtung der Bäume und anderer Pflanzen gebildet wird, als erstes und wichtigstes Orientierungs- und Ordnungssystem etabliert haben. Der Rückgriff auf dieses archaische und grundlegendste aller Ordnungssysteme ist in meinen Augen ein Moment, aus dem viele dieser Werke ihre innere Spannung und Kraft beziehen. Häufig gibt es eine Grundrichtung, entweder eine vertikale oder eine horizontale, zu der die andere jeweils gegenläufig angelegt wird. Zu den Geraden kommen diagonale Linien sowie Bögen und andere Rundungen organischer Natur, die ein zusätzliches Spannungsmoment bringen und die Arbeiten mitunter in narrative Ebenen steuern. Von einem Aufbruch oder einem Verharren in Geborgenheit erzählen sie uns, in denen sich neue Räume öffnen oder sich Dinge zuspitzen. Akzente setzt Anne Brömme auch durch den Einsatz von zeichenhaften Elementen, wie Zahlen, Buchstaben und fragmentarischen Darstellungen von Körperlichkeit sowie durch das Verwenden unterschiedlicher Malmaterialien, die reliefartige Oberflächenstrukturen entstehen lassen.

In der Arbeit neunundneunzig scheint mir das Aufbrechen der vertikalen und horizontalen Ordnungen soweit zu gehen, dass sich hier Oben und Unten durchdringen, die halbrunden länglichen Formen – wenn man will können es Schiffskörper und Segel sein – werden aufgefächert, neu ineinander verschoben, lösen sich auf und treffen wieder aufeinander. Die Arbeiten von Anne Brömme lösen den Gegenstand auf, um ihn neu zusammen zu denken und damit neu zu verstehen. Darin liegt ein weiterer Aspekt, der die Ausdruckskraft dieser Arbeiten begründet. Indem Anne Brömme die Dinge neu sieht, ringt sie ihnen ein symbolisches Potential ab, das mit den Mitteln der Sprache nicht auszudrücken ist. Die symbolischen Bedeutungen, um die es sich hier handelt, haben dabei im eigentlichen Sinne nicht mit der kanonischen Verwendung von Symbolen zu tun, wie sie Künstler jahrhundertelang als festgeschriebene Zeichensprache benutzt haben. Nach denen ein Schiff immer ein Symbol für eine Reise ist. Selbstverständlich gibt es so etwas wie einen archaischen Bedeutungskern, der auch in der zeitgenössischen Kunst eine Rolle spielt. Denn natürlich steht ein Schiff für einen Aufbruch, eine Reise oder ein Unterwegs Sein, aber vielleicht auch für ein Ankommen oder ein Verlorengehen. Im Werk von Anne Brömme haben wir es mit einer Symbolik zu tun, die diese Bedeutungen auf eine sehr persönliche Weise vereinnahmt, um eigene Aspekte erweitert und uns in einer Offenheit gegenüberstellt, die Raum für eigene Assoziationen und Projektionen lässt, so dass ihr Vorgehen ganz im Sinne Harald Szeemann als individuelle Mythologiebildung zu bezeichnen ist.

In vielen der Arbeiten in dieser Ausstellung spielen Körper und Körperteile eine Rolle. Als Bildhauerin ist Anne Brömme der menschliche Körper, eine Hand, oder auch ein Kopf zunächst einmal eine plastische Form, aber eben keine geometrisch berechnete, mathematisch vermessene, vielmehr steht das Außen hier immer für einen Innen, für einen ganz bestimmten Gemütszustand, für eine ganz spezifische Haltung zur Welt. Und so scheinen sich zwischen den Fingern ihrer Handdarstellungen regelrechte Kraftfelder aufbauen. Man sieht oder besser spürt förmlich die Sensibilität der eigenen Fingerkuppen bildnerisch dargestellt. Die Hände werden in ihrer Bedeutung erweitert, treten uns in verschiedenen symbolischen Facetten gegenüber, als leise Erinnerung an Berührung oder auch als kathedralenartiges Kraftfeld wie in der Arbeit sakral.
Der modellierte Kopf und die modellierte Hand stehen zunächst scheinbar in einem formalen Gegensatz zu den Auflösungserscheinungen, wie wir sie in einigen bildnerischen Arbeiten vorfinden. Aber letztlich geht es auch hier um einen präzisen und intensiven Ausdruck, der über das rein Formale hinausgeht und der – und das ist grundlegend für das gesamte Werk – das Außen immer vom Innen her begreift. Ich denke letztlich rührt die Kraft der Arbeiten von Anne Brömme gerade daher, dass sie die Dinge von ihrem innersten Wesen her zu begreifen und darzustellen sucht. Und so ist diese Hand ein Skulptur, in der sich ein ganzer Bedeutungshorizont von Hand auftut: Es geht um ein in Kontakt treten, um ein seismografisches Sammeln von Informationen, um ein tastendes Erkennen, um Kommunikation mit der Welt. Und der Kopf strahlt einfach eine unglaubliche in sich ruhende Stärke und Kraft aus.

Zum Ende möchte ich auf zwei Arbeiten eingehen, die mich persönlich sehr berührt haben, und die den Aspekt des Innen und Außen noch einmal anschaulich verdeutlichen: sprachlos eins und zwei. In sprachlos eins tritt uns ein Mund gegenüber, in dem das Schweigen, etwas das man ja nur negativ beschreiben kann – als Abwesenheit von Kommunikation – eine regelrechte körperliche Manifestation gefunden hat. Ich habe bei dieser Skulptur das unspezifische Bedürfnis, immer die jeweils andere Seite sehen zu wollen, in der Hoffnung wahrscheinlich dort so etwas wie eine Öffnung o.ä. zu finden. Aber diese Lippen bleiben verschlossen, ihre Form wurde umgestülpt von Innen nach Außen, und die unregelmäßige, farblich bearbeitete Oberfläche verstärkt diesen Eindruck noch, so dass man das Gefühl hat, alle Kommunikation ist hier nach Innen gerichtet, nichts, kein Laut dringt hinaus. Und in sprachlos zwei, das mich unmittelbar an die liegenden Skulpturen von Brancusi erinnert, manifestiert sich ein Schweigen, das eine unglaubliche Stille und in dieser Stille eine große Schönheit ausstrahlt.

Verortungen lautet der Titel dieser Ausstellung. Und um Verortungen geht es denke ich der Künstlerin vor allem hinsichtlich der Frage, wie wir selber uns in dieser Welt verorten, welche Haltung wir entwickeln, wie wir Dinge verstehen und sie angehen. Und ich möchte Sie nun einladen, in der Begegnung mit den Arbeiten diesen Fragen nachzugehen – sich berühren zu lassen und sich dabei Ihre eigenen Fragen zu stellen.

Anne Prenzler, 16.5.2010